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Was mich bewegt

von Gundula Buitkamp im Oktober 2018

Was mich bewegt und zwar nicht nur bewegt, sondern fundamental ärgert und noch viel mehr traurig macht und ängstigt, sind alle Nachrichten und Erkenntnisse über den Klimawandel und die unveränderlichen politischen Prioritäten der reichsten Länder der Welt, nicht zuletzt Deutschlands.

Seit Monaten ist auf bestimmten Strecken keine Elbschifffahrt mehr möglich! Niedrigwasser! Unsere Flüsse trocknen aus! Auch die Mosel! Wo normalerweise Wasser fließt, kann man Tomaten ernten.

Wir haben durchgehend Sommer seit April: Viel zu wenig Wasser in allen Flüssen und Seen, kein Regen, Hitzehitzehitze; gleichzeitig schmelzen die Polkappen ab, der Meeresspiegel steigt, die Küsten werden von Unwettern heimgesucht, und in absehbarer Zeit – für die Erde weit weniger als ein Wimpernschlag – werden wir Land verlieren, die ganzen Nordseeinseln zum Beispiel, und das Empörende ist: Davor haben Menschen, die es voraussehen konnten, aber als fanatische Ökos belächelt wurden, schon vor 30-40 Jahren gewarnt, ich kann mich gut erinnern! Ich war Schülerin, als ich die ersten differenzierten Vorträge über FCKW und CO2 in der Atmosphäre hörte und mir vor den Folgen gruselte! 1987!

Und worauf legt unsere Regierung Wert? Auf die Erhaltung der Arbeitsplätze bei RWE und in der Automobilindustrie?

Auf der Güterbahnstrecke an der Mosel sahen wir einen Zug mit mindestens 30 Waggons fahren, der in zwei Stockwerken mit Neuwagen beladen war, und die werden alle auf unseren Straßen fahren, schon bald!

… Ach, ich denke an den Sommer in Schweden, die Waldbrände, die fast unerträgliche Hitze; wird es denn auch nochmal andere Sommer geben?

Vor welche Herausforderungen stellen wir unsere Kinder?

Und wie kann es sein, dass ich den Gedanken, dass meine eigene Lebenszeit realistischerweise kaum mehr länger als 30-40 Jahre beträgt, als tröstlich empfinde?

Wo doch das Leben ein Wunder ist und mir im Großen und Ganzen Freude macht?

Ich werde sterben, ein Segen, das Schlimmste werde ich vielleicht nicht erleben. Aber wie egoistisch!

… Ich bin wirklich verzweifelt.

Übrigens: Die Tausende und Abertausende von Smartphones, Tablets usw., mit denen man jetzt alle Schüler ausstatten will, wo sind die in 500 Jahren?

 


Der folgende Text entstand in dem Seminar Den Elementen begegnen auf der Insel Juist. In der Begegnung mit dem Meer taucht plötzlich eine Stimme auf, die zu denken gibt.

Klage

Der Tag, an dem sie sich auf den Weg machte, den Elementen zu begegnen, nieselte es leicht. Matilda hörte das laute Tuten der Fähre, die bald ablegen würde. Viele Touristen sah sie auf der Suche nach einem passenden Lokal. Es war um die Mittagszeit.

Matilda hingegen wollte laufen, schnell gehen, den Wind spüren, der sich heute gnädiger erwies als gestern. “Vielleicht ist ihm die Puste ausgegangen”, dachte sie.

Das Nieseln verwandelte sich in fiesen Regen, deswegen gab sie den Plan auf, bis zur “Zitronenpresse” zu gehen, wie Spötter den Aussichtsturm am Hafen nannten. Sie kehrte um Richtung Ort, der Wind peitschte ihr den Regen ins Gesicht, die Kapuze ihrer wasserdichten Jacke versperrte ihr die Sicht, aber sie gab nicht auf, zumal es über den Dünen, auf der anderen Seite der Insel, heller am Himmel wurde.

Mehrere Pferdegespanne überholten sie, vom Hafen kommend, die ihre Lasten zu den Geschäften brachten. Es musste alles per Schiff oder per Flugzeug, Personen und Dinge, auf die Insel geschafft werden.

Matilda nahm eine der weniger belebten Straße zum Haus des Kurgastes hinauf. Von dort oben, auf der Kuppe vor dem Haus, hatte sie eine überwältigende Aussicht auf die Insel. Sie hatte Glück: der starke Wind vertrieb die Regenwolken, als sie oben ankam. So konnte sie die Fähre sehen, die aus dem Hafen fuhr, die Hafengebäude, den Leuchtturm. Der Wetterhahn der katholischen Kirche blitzte in einem plötzlichen Lichtstrahl, der durch die Wolkendecke brach, schimmerte golden. Häuserdächer glänzten regennass, leider auch die Bank, auf die sie sich setzen wollte, um in Ruhe zu schauen. Sie wandte sich um, konnte im Osten die Wilhelmshöhe und das Ausflugslokal darauf sehen, wandte sich nach Westen, sah das elegante Kurhaus, den “Weißen Elefanten”, so genannt wegen seiner Größe oben auf der Düne trohnend. Da wäre sie auch einmal gerne Gast.

Genug geträumt, es wurde ungemütlich da oben, Matilda ging zum Strand hinunter, Westwind im Rücken. In den großen Pfützen Wassers im Sand spiegelten sich Wolkengebirge, an dessen Rändern Sanderlinge, wie an Schnüren gezogen, vorüber trippelten. Endlich waren sie wieder da! Sie hatte sie schon vermisst.

Das Tosen der Brandung nahm zu, je näher sie dem Flutsaum kam.

Was für ein Anblick! Sie könnte ewig hier stehen und lauschen, mit geschlossenen Augen, hingegeben dieser Musik der Wellen, Beständigkeit im Kommen und Gehen der Brandung.

Ein offener Strandkorb am Dünenrand, Matilda freute sich darüber, setzte sich hinein. Binnen paar Minuten fielen ihr die Augen zu. Eingelullt vom nun leiseren Tönen der Brandung, hörte sie ihren Namen rufen:

Schsch schschsch…. Matitiiillldaaa…. schschschsch…, mir geht es schschlecht… Matilda, sooo schlecht… was ich alles schlucken muss … und meine Bewohner, die kleinen und grossen Fische, die Meerespflanzen auch, es geht uns schlecht von all dem Gift. Ich bin nun mal ihr Element, die Nordsee; meine Bewohner können nicht “Bio” kaufen im Reformhaus, das Nordmeer ist ihre Lebensgrundlage.

Ihr Menschen nanntet mich “Mordsee”, wenn ich böse wurde.., ja,  ich kann sehr schlimm sein. Doch was die Menschen, – Du auch, Matildaaa! … schschschshsch … mir und meinen Schwestern und Brüdern, den Meeren dieser Welt, den Flüssen und Bächen antun, das ist Mord auf Raten! 

Dabei schadet ihr euch doch selber damit. Ihr liebt es, Fische, Muscheln und andere Meeresfrüchte zu essen…, kommt an die Strände dieser Erde, um euch zu erholen, Kraft zu tanken, die gute Luft zu genießen, der ihr auch so übel mitspielt, sie verpestet!

Deshalb werde ich mich jetzt für eine Weile zurückziehen.  Ich werde wiederkommen, dann aber wird nicht mehr viel von der Insel übrig bleiben … schschsch.”

Matilda rieb sich die Augen, Sandkörner flogen trotz Brillenschutz hinein. Der Wind wehte nun heftiger. Sie stand fröstelnd auf, schüttelte sich. Etwas war anders. Aber was? 

Sie blickte Richtung Meer:  Es hatte sich zurückgezogen.

©Ingrid Jakob im September 2018

 


Literatur ist, wenn Sätze in uns weiter wachsen können.

Dr. Hans Jürgen Scheurle

 


Zusammengerollt liegt der Sommer auf den Stoppelfeldern.

Grün gesättigt sind die Bäume.

Die Sonne kuschelt mit der grauen Wolkendecke

Und der Wind übt schon mal für den Herbst.

Birgit Mazassek

 


“Wer nur eine Heimat hat, ist in ihr eingekerkert,

kennt sich selbst nicht, weil er nur sich selbst kennt”

Fulbert Steffensky in Wdr 1 Lebenszeichen vom 1.7.2018 zu Steffenskys 75. Geburtstag Link


 

Ein Gasthaus ist dieses menschliche Dasein.

Jeden Tag eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,

ein kurzes Achtsamsein kommt als unerwarteter Gast (…)

Rumi 13, Jh.


 

Die blaue Bank von Albert Asensio,

ein ganz besonderes Bilderbuch, in dessen Mittelpunkt eine Bank steht, die sich an die vielen Geschichten erinnert, “die sich auf ihren Holzbrettern abgespielt hatten”, ganz besonders die Geschichte von Juan und Maria…

Zarte Farben, im Zentrum das helle Blau der Bank, begleiten durch Zeiten und Jahreszeiten.

Absolut empfehlenswert!

Danke für den Tipp, liebe Barbara von Litpaed


 

Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt,

verpasst eine Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.

Max Frisch


ICH!

Wer bin ich?
Was will ich?
Wohin will ich?
Warum will ich?

Weiß ich es?

Bin ich jemand
der lebt oder jammert?
Will ich was,
was ich will oder
was alle wollen?
Will ich wohin,
wo ich zurück oder weiter kann?

Ich will,
weil ich es liebe zu leben!

Maria Eifrig, Januar 2018


wenn wir lesen,
stellen wir uns fragen,
die wir uns schon lange
nicht mehr wagten zu stellen!

wenn wir träumen,
stellen wir uns gefühlen,
die bei tageslicht
vollkommen absurd sind!

wenn wir schreiben,
geben wir uns räume
für antworten und erfahrungen,
von denen wir nie zu träumen wagten!

Marion Lohoff-Börger, Münster, www.schreibmaschinenlyrik.de


Zum Meditativen Schreiben am 2. Adventswochenende 2017 in Münster
Kann man bestellen, dass im richtigen Moment draußen Schneeflocken fallen? Wahrscheinlich nicht. Es hat aber die Schönheit und Inspiration des Seminars vortrefflich ergänzt. Es geht um nichts. Alles geschieht wie von allein. Elisabeth versteht es, völlig verschiedene Teilnehmer mit anderen Hintergründen, Erfahrungen und Wünschen so miteinander zu verbinden, dass absolut jeder profitiert. Feinfühlig und mit großer Ruhe führt sie durch ein Seminar, das im Innhalten zu neuen Erkenntnissen nicht nur beim Schreiben führt. Dieses Seminar ist ganz besonders für Schreibprofis zu empfehlen, die neue Perspektiven suchen oder einmal ganz anders denken und schreiben wollen. Danke Elisabeth: Das Seminar war jeden Kilometer der langen Reise wert.
Ilona Bürgel


Engel

Gibt es Engel?
Mit weißen Gewändern,
geschwungenen Federschwingen,
Todesengel,
Barockengel,
Verkündigungsengel,
Putten, pausbäckig und niedlich,
Schutzengel?

Gibt es sie wirklich?

Oder sind sie eine religiöse Phantasie,
eine Wunschvorstellung schutzbedürftiger Menschen in Not?

Es muss sie geben,
denn ein Bild meines Schutzengels
hing über meinem Bett.
Was wäre dem Geschwisterpaar
wohl auf der baufälligen Brücke zugestoßen,
wenn der Schutzengel sie nicht
fürsorglich und behutsam
hinüber geleitet hätte.
Ich fühlte mich sicher und geborgen.

Es muss Engel geben,
denn über jeder Krippendarstellung
schweben jubilierende Engel,
ein Engel des Herrn
ist den Hirten auf dem Feld erschienen,
um ihnen die Frohe Botschaft zu verkünden.
In Weihnachtsliedern,
Chorälen und in der Bibel
hören und lesen wir von
Cherubinen und Seraphinen,
von Gabriel und Raffael
und Luzifer.

Ich glaube an Engel
und habe ihre Hilfe gespürt.

Und doch wünsche ich mir so sehr,
Gewissheit zu haben,
meinen Schutzengel zu sehen,
oder
vielleicht nur einen Lufthauch
und leisen Flügelschlag
zu spüren,
wenn sich eine schwere Zeit
zum Guten wendet.

Manchmal,
in der Stille,
in mir
und um mich herum,
bekomme ich
eine Ahnung von der sanften Gegenwart
meines Schutzengels.

Es muss doch Engel geben,
das wünschte ich mir ein Leben lang,
bis vor kurzem.

Jetzt weiß ich,
es gibt sie wirklich.
Mein Enkel hat es mir mit einer
Selbstverständlichkeit und Ernsthaftigkeit
versichert,
da gibt es keinen Zweifel mehr.

So werden wir zwei
auch in dieser Weihnachtszeit
ein wenig die Stille
und vielleicht auch das Christkind suchen,
Kerzen anzünden,
singen,
und uns zwischendurch zuzwinkern,
denn wir zwei wissen einfach,

dass es Engel gibt.

„.. zwei Engel sind hereingetreten,
kein Auge hat sie kommen seh’n,
sie geh’n zum Weihnachtsbaum und beten
und wenden leise sich und geh’n…“

vielleicht kennt ihr dieses Weihnachtslied?

© U. Granseuer


Sie ist immer wieder darüber erstaunt, was denn doch noch so gehen kann, auch wenn sie vermeintlich n i c h t kreativ ist:

SIE und sie

Einmal im Monat treffen sie sich, freuen sich allesamt auf das Zusammentreffen, um gemeinsam ihrem Hobby zu frönen. Dem Schreiben.
Heute sind sie zu neunt. Fehlt noch wer? Egal, es spielt keine Rolle.
Heute sind es neun.
Ein Thema wird vorbereitet. Alle lauschen gespannt.
„Gegensätze“!
Dazu soll jede und jeder etwas schreiben.
Acht von ihnen schreiben sofort drauf los.
Es kritzelt nur so über die Blätter.
Es sprudelt nur so aus ihnen heraus.
Kein Keks wird geknabbert, kein Kaffee geschlürft.
Alle legen sich ins Zeug, um etwas zu Papier zu bringen, als gäbe es kein Morgen mehr.
Oh, welch kreatives Geschehen! Bei achten von neunen! Und die Neunte!?
Tja, sie überlegt und überlegt und wirft so manchen Gedanken auf, so manche Person kommt ihr in den Sinn. Doch verwirft sie es wieder, Gedanken zu einer Geschichte zusammen zu führen. Sie finden einfach nicht die richtige Richtung. Ach man, nee, das fällt heute so schwer.
Sie überlegt und überlegt. Sie ist halt langsam. Und dann?
Sie ist immer wieder darüber erstaunt, was denn doch noch so gehen kann, auch wenn sie vermeintlich n i c h t kreativ ist.
Nichts fällt ihr ein, bis, ja, bis sie eine Idee hat… und lächelt in sich hinein (:o)

… Einmal im Monat treffen sie sich. …

Elsbeth te Laar


“Jedes Leben hat ein Motto, einen Titel, einen Verleger, eine Vorrede, Einleitung, Text, Noten” (Novalis).


„Es war das erste Buch, das mir von dem erzählte, das ich kannte: eine Mutter, Armut, schöne Abende am Himmel. Das Buch löste in meinem Innersten einen dunklen Knoten, befreite mich von Fesseln, die ich spürte, ohne sie zu verstehen. Ich las es, wie immer, in einer Nacht. Und als ich erwachte, war ich erfüllt von einer neuen unbekannten Freiheit und betrat, noch zögernd, ein unbekanntes Land. Ich begriff plötzlich, dass Bücher nicht nur dazu da sind, Vergessen und Zerstreuung zu spenden. Mein verbohrtes Schweigen, diese unbestimmten, aber alles bestimmenden Leiden, diese einzigartige Welt, die mich umgab, die Noblesse der Meinen, ihr Elend, meine Geheimnisse, all das konnte man also ausdrücken!“

Albert Camus, zitiert in Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. 2013


Schwarzglänzendes Gefieder im Dünengeäst

Staunen ergreift den Menschen

Es gibt noch viel zu verbinden

Helen M.


Amselstille

Heute, am Schreibtisch sitzend, blickte ich hinaus ins Graue, wo leichter Schnee fiel, still. Eine Amsel saß auf der Balkonbrüstung und schaute wie ich ins Grau, wo leichter Schnee fiel. Es war ein besonderer Moment an diesem Tag in der Bleiwüste meines Schreibtisches, ich fühlte mich verbunden mit diesem Vogel, der in dieselbe Richtung schaute wie ich, stille saß. Was mag in ihm vorgegangen sein? Sie sind sonst eifriger, die Amseln und der Kleiber, die seltene Blaumeise, die kommen, um schnell ein paar Körner zu picken und gleich wieder zu verschwinden.

Diese Amsel heute hatte Zeit. Und ich nahm mir die Zeit, sie zu beobachten, zu betrachten, wie sie da so saß und schaute und sich nicht rührte. Sie rührte dafür mich an und ich war dankbar für diesen Moment, in dem ich Leben spürte, die Wärme vielleicht eines kleinen Vogelkörpers. Nimm mich unter deine Fittiche! Schenke mir eine deiner Federn, dass ich mich erinnere an die Lebendigkeit des Vogelflugs, an die Emsigkeit eines Vogellebens.
Euch scheint immer klar zu sein, was zu tun ist. Während mir sehr oft gar nicht klar ist, was zu tun ist. Heute wusste ich, was zu tun war, ich musste einen langen Weg durch die Bleiwüste gehen und versuchen, dabei nicht einzuschlafen vor lauter Ödnis. Da kam mir die Amsel gerade recht, eine kleine Ablenkung aus dem Reich des Lebendigen. Dorthin schaue ich, wenn ich den Blick vom Schreibtisch in die zivilisierte Natur richte: Kahle Bäume kann ich sehen, in denen sich die Eichhörnchen jagen, die Tauben dösen und die Elstern auf den Frühling hoffen.

Und in diese zivilisierte Natur sah ich die Amsel schauen und frage mich nun, wo sie wohl die Nacht verbringt und ob sie allein lebt oder ob die ersten Anzeichen der wärmeren, grüneren Jahreszeit schon in ihrem kleinen Körper zirkulieren.

Ich wünsche dir jedenfalls eine gute Nacht und dass du nicht frierst. Vielleicht sehen wir uns morgen. Ich jedenfalls werde wieder da sein, wie heute auch.

© Edda Hattebier, Münster, Februar 2017


Aus Kindertagen

Tropfenfänger
Schmetterling aus Porzellan,
bunt bemalt, filigran,
ein Gummizug und ein kleines Röllchen Schaumstoff.

Familienfeiern
viele Torten, viele Tanten
die hektische Mutter
mitgebrachte Schokolade für die Kinder, gerecht aufgeteilt unter den Geschwistern
Sonntagskleider
Kniestrümpfe, von Oma gestrickt, mit Lochmuster, und
Lackschuhe, schwarz
das tiefe Gelächter der Onkel, rauchend, Bier trinkend
die hohen Stimmen der Tanten, likörselig.
Und nach dem Kaffeetrinken ein Gang durch den Garten.
Staunen und fachsimpeln, gedeihen die Möhren, die Bohnen, die Gurken?
Welche Schädlinge sind zu bekämpfen?

Tropfenfänger

wenn mir der Blick fehlt für das filigrane Porzellan
wenn gar etwas zerbrochen ist
wenn die Schokolade die Seele retten soll
wenn das tiefe Gelächter der Onkel und die hohen Stimmen der Tanten
der Vergangenheit angehören, weil fast alle schon gestorben sind –

dann bräuchte ich einen Tropfenfänger
für die Tränen,
der wie ein Schmetterlingsfänger wäre
auf der Suche nach dem Schönen,

denn in einer Träne spiegelt sich die Welt,
findet sich das Salz der Ozeane.

© Edda Hattebier, Mai 2014, www.dasblauekomma.de


Einfache Worte
Ich möchte die einfachen Worte sagen
Und sie schweben lassen
Zwischen mir und dir
Ich möchte die einfachen Worte sagen
Und Resonanzen hören wie Kristalle
Die an mein Herz schwingen
Ich möchte die einfachen Worte sagen
und sie schweben lassen…

G. Lummer


I mmer wieder

n eu

s ehen, schauen, betrachten

e ntdecken ist mein

L eben

 

Akrostichon einer Teilnehmerin des Juist-Seminars


Frühlingssehnsucht

Die schwarze Nacht wechselt sich ab mit einem grauen Tag. Wie schwarzgraue Perlschnüre glitzern die Regentropfen, die das Dachfenster herunterrinnen. Das Grau des beginnenden Tages legt sich wie ein dunkler Schleier über die Seele… Irgendetwas muss geschehen, um diesen Verlauf aufzuhalten. Es gelingt bei geschlossenen Augen. Im Kopf entstehen Bilder. Es sind Bilder aus früheren Zeiten:

Der Geruch von Frühling liegt in der Luft. Die ersten Bienen finden summend schon hier und da einige Blüten, die ihnen neue und frische Nahrung nach der langen Winterpause bieten. Bäume und Sträucher ändern deutlich ihre Farbe. Bei genauem Hinsehen treiben sie aus mit spürbarer Kraft. Bei dem einen Strauch sind es die rötlichen Blattspitzen, die kurz davor sind sich auszubreiten, bei einem weiteren schimmert es grün. Beim Forsythienstrauch sind es gar die ersten gelben Blüten, die sich vorgewagt haben. Der Pflaumenbaum kündigt mit kleinen braunen Knospen neues Wachstum an. Die Erde wird von einer wachsenden Zahl von Vögeln aufgesucht und mit ihren Schnäbeln, mit denen sie eifrig nach Leckereien suchen, verwandeln sie das bisher eher trist und hart daliegende Erdreich in lebendig aufgelockerte Gartenerde. Das Gras zeigt wieder frisches Grün. Marienblümchen wirken wie fröhliche Tupfer. Das Moos, das sich im Winter auf Steinen und Geäst ausgebreitet hatte, fügt sich harmonisch in die neue Vielfalt ein.

Ein Wohlgefühl und der Anflug von neuer Kraft ist bei dieser kleinen Innenschau entstanden und behält seine Wirkung beim offenen Blick auf den noch immer grauen Tag.

Text einer Teilnehmerin, März 2016


Der Parker Kugelschreiber

Jetzt schlummere ich hier seit einigen Jahren so vor mich hin. Meine Kulimine schreibt längst nicht mehr. Gemeinsam mit einem Lineal, einem Anspitzer, einem Radiergummi, einem Textmarker und einigen Buntstiften wohne ich in einem Faulenzermäppchen. Niemand benötigt unser Können. In der obersten Schublade eines Rollcontainers, in dessen hinterster Ecke ist unser Platz. Früher war das anders. Ob zu Hause oder in der Uni, es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht seitenweise leeres Papier füllte… Eine Zeit lang war ich viel unterwegs. Das Faulenzermäppchen bekam einen Stammplatz in einem schwarzen Aktenkoffer aus Leder – ein Geschenk eines zufriedenen Kunden der Lederwarenbranche. Wir begleiteten unsere Besitzerin quer durch Deutschland. Sie schulte Mitarbeiter von Firmen im Bereich der EDV… Computer kamen immer häufiger zum Einsatz und stahlen mir meine Aufgaben. Ich wurde nur noch zum Schreiben von Notizen verwendet und lag viel nutzlos herum. Dann wurde alles anders. Meine Besitzerin erkrankt an Multipe Sklerose. Sie sitzt schon nach 2 Jahren im Rollstuhl. Der Koffer samt Inhalt geraten in Vergessenheit. Eines Tages wird das Faulenzermäppchen geöffnet. Meine Tinte ist vertrocknet. Ich bin nicht zu gebrauchen. Das Stifteetui verschwindet mit mir und den übrigen Utensilien in der Containerschublade. Ein Wunder geschieht. Ich verlasse Rollcontainer und Faulenzermäppchen, bekomme eine neue „Schneider“ Mine, liege griffbereit auf einem kleinen runden Tisch und darf wieder schreiben – nicht so viel wie früher, aber ich werde wieder gebraucht.

P.S. Mein Parker, er war, ist mein ganzer Stolz. Seine Anschaffung war keine Kleinigkeit für ein schmales Studentenbudget. Heute benutze ich ihn wieder regelmäßig und liebe ihn genauso wie früher.

Maria Eifrig, März 2016


Im Museum

Auf Einladung des Museums sind Flüchtlinge gekommen und schauen sich die Sonder-ausstellung im 1. Obergeschoss an. Auch eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn ist dabei. Der Junge zieht die Mutter an der Hand zu den einzelnen Vitrinen und Schautafeln. Vieles wirkt befremdlich auf ihn. Mit vielem kann er nichts anfangen.

Aber dann bleibt er vor der Narrenkappe stehen. Sie leuchtet so schön in rot und gelb und erinnert ihn an sein Spielzeug, das er in der Heimat zurücklassen musste. An der Stellwand dahinter sind es ebenfalls die farbigen Fotos, die seine Aufmerksamkeit wecken. Der erste Kinder-Karnevalsumzug ist darauf zu sehen. Ein mit Luftballons und Fähnchen geschmückter Karnevalswagen und verkleidete Kinder, die ihn begleiten. Ganz vorne steht ein Junge mit roter Zipfelmütze, roter Knollennase und einem Rauschebart.

Wie gerne würde auch der Flüchtlingsjunge in eine andere Rolle schlüpfen – ein Seeräuber sein oder Pilot, ein Bär oder Zauberer. Ja, ein Zauberer wäre gut. Dann könnte er die Wünsche seiner Mutter erfüllen, die seines Vaters und des kleinen Bruders und seine eigenen Wünsche natürlich auch. Dann hätten sie eine Wohnung und der Vater Arbeit. Dann würde die Mutter schnell Deutsch lernen, der Bruder käme in den Kindergarten und er würde deutsche Freunde finden in der Schule. Ach, wäre das schön.

Text einer Teilnehmerin, November 2015

Eine weitere Museumsgeschichte einer Kursteilnehmerin finden Sie hier


Das Papier und die Tinte

Ein Blatt Papier, das zusammen mit anderen, ihm ähnlichen Blättern auf einem Schreibtisch lag, sah sich eines Tages mit Zeichen bedeckt. Eine Feder, in schwärzester Tinte gebadet, hatte es mit vielen Wörtern und Zeichen übersät.

“Konntest du mir diese Erniedrigung nicht ersparen?” sagte das Blatt erzürnt zur Tinte. “Du hast mich besudelt mit deiner höllischen Schwärze und für immer ruiniert!”

“Warte ab”, antwortete die Tinte. “Ich habe dich nicht besudelt, sondern dich mit Sinnbildern versehen. Jetzt bist du kein Blatt Papier mehr, sondern eine Botschaft. Du bewahrst den Gedanken des Menschen und bist somit ein kostbares Instrument geworden…“

Leonardo da Vinci

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